Veraltete Architekturen verlangsamen den Wandel, da selbst kleine Aktualisierungen eine Koordination über mehrere Systeme und Schichten hinweg erfordern.
Stabile Kernsysteme führen aufgrund enger Abhängigkeiten und veralteter Integrationsansätze dennoch zu langfristiger Komplexität.
Fragmentierte Prozesse verringern die Effizienz, da manuelle Arbeit und Systemwechsel den täglichen Betrieb beeinträchtigen.
Steigende Kundenerwartungen und neue Risikotypen erhöhen den Druck auf eine schnellere und transparentere Schadenbearbeitung.
Eine schrittweise Modernisierung verringert das Risiko und schafft schneller einen Mehrwert als ein umfassender Systemaustausch.
Integration und Automatisierung verbessern die Effizienz, indem sie die Arbeitsabläufe straffen und den manuellen Aufwand reduzieren.
Die Schadensabwicklung gehört zu den zentralen Leistungsversprechen eines Versicherers. Hier entscheidet sich, wie effizient Prozesse funktionieren, wie Kundinnen und Kunden Service erleben und wie wirtschaftlich ein Unternehmen arbeiten kann
Gleichzeitig ist dieser Bereich in vielen Häusern noch immer durch historisch gewachsene IT-Strukturen, manuelle Arbeitsschritte und komplexe Prozesslandschaften geprägt. In zahlreichen Projekten der vergangenen 15 Jahre habe ich erlebt, wie groß das Potenzial für Verbesserungen ist – und wie häufig moderne Anforderungen auf Systeme treffen, die ursprünglich für eine andere Zeit entwickelt wurden.
Dabei geht es längst nicht nur um Technologie. Es geht um Bearbeitungszeiten, Kostenstrukturen, Servicequalität und die Fähigkeit, auf neue Marktanforderungen schnell zu reagieren.
In diesem Beitrag möchte ich aufzeigen, welche Herausforderungen Versicherer heute in der Schadenbearbeitung beschäftigen, warum der Handlungsdruck steigt und welche pragmatischen Wege sich in der Praxis bewährt haben.
Ein wiederkehrendes Muster in der Versicherungsbranche ist der Umgang mit gewachsenen Bestandssystemen. In einem Projekt bei einem süddeutschen Lebensversicherer bestand die Aufgabe darin, moderne Services und zeitgemäße Benutzeroberflächen auf ein bestehendes Kernsystem aufzusetzen.
Die technische Realität war anspruchsvoll: Über Jahrzehnte gewachsene Mainframe-Strukturen, COBOL-basierte Kernprozesse, begrenzte Dokumentation sowie Know-how, das nur noch bei wenigen Spezialisten vorhanden war.
Der gewählte Weg war nachvollziehbar: Eine moderne Java-Schicht sollte neue Schnittstellen ermöglichen und die Fachbereiche entlasten. In der Umsetzung zeigte sich jedoch die typische Herausforderung solcher Architekturen: Während die Oberfläche modernisiert wird, bleiben zentrale Abhängigkeiten im Hintergrund bestehen.
Neue Anforderungen mussten weiterhin über mehrere Ebenen hinweg umgesetzt werden – von modernen APIs über Mapping-Schichten bis in bestehende Kernlogik. Jede Änderung erhöhte den Abstimmungsaufwand, verlängerte Entwicklungszyklen und steigerte die Komplexität.
Dabei ist es wichtig, eines klarzustellen: Die bestehende Kernlogik läuft in vielen Fällen bemerkenswert stabil und zuverlässig. COBOL-basierte Systeme verarbeiten seit Jahrzehnten kritische Geschäftsprozesse – oft ohne nennenswerte Ausfälle. Diese Stabilität ist eine echte Stärke. Und sie ist zugleich einer der Hauptgründe, warum sich viele Unternehmen davor scheuen, ein neues System sauber aufzusetzen: Was zuverlässig funktioniert, fasst man ungern an.
Diese Zurückhaltung ist menschlich nachvollziehbar – aber sie wiegt die strukturellen Nachteile der Architektur nicht auf. Denn die Stabilität des Kerns ändert nichts daran, dass die Gesamtarchitektur zunehmend an ihre Grenzen stösst.
Diese Situation ist kein Einzelfall. Viele Versicherer haben ihre Systeme über Jahre sinnvoll erweitert – jedoch häufig additiv statt grundlegend modernisiert. Das Ergebnis sind Architekturen, die nach aussen modern wirken, intern aber hohen Wartungsaufwand verursachen.
Die Auswirkungen solcher Strukturen zeigen sich besonders deutlich im operativen Betrieb:
Lange Umsetzungszeiten
Selbst kleine Änderungen erfordern oft eine Koordination über mehrere Systemschichten hinweg, was die Reaktionsfähigkeit auf Marktanforderungen verringert.
Hohe Wartungskosten
Ein erheblicher Teil der IT-Budgets fliesst in den Betrieb, die Stabilisierung und Pflege bestehender Systeme – statt in Innovation und Prozessverbesserung.
Abhängigkeit von Spezialwissen
Historische Systeme basieren oft auf Wissen einzelner Personen. Wenn dieses Wissen altersbedingt oder organisatorisch wegfällt, entsteht ein reales Betriebsrisiko.
Eingeschränkte Skalierbarkeit
Neue digitale Services lassen sich nur begrenzt schnell integrieren, wenn Kernprozesse nicht flexibel angebunden werden können.
Noch deutlicher werden diese Herausforderungen im Tagesgeschäft der Schadenbearbeitung.
In einem Digitalisierungsprojekt bei einem Schweizer Versicherer zeigte sich, wie stark Sachbearbeitende im Alltag durch fragmentierte Prozesse belastet werden können. Informationen erreichten das Unternehmen über unterschiedliche Eingangskanäle – per E-Mail, Brief, Telefon oder über einzelne Portale.
Da keine zentrale Sicht auf den Vorgang bestand, mussten Mitarbeitende zwischen verschiedenen Anwendungen wechseln, Informationen manuell übertragen und Bearbeitungsstände separat nachverfolgen.
Unter diesen Bedingungen leisten Fachbereiche oft Erstaunliches. Gleichzeitig wird deutlich, welches Potenzial moderne Prozessplattformen bieten: weniger manuelle Übergaben, weniger Medienbrüche und deutlich effizientere Abläufe.
Die bestehenden Herausforderungen werden durch neue Entwicklungen zusätzlich verstärkt.
Steigende Kundenerwartungen
Kundinnen und Kunden erwarten heute digitale, transparente und schnelle Prozesse – insbesondere im Schadenfall.
Neue Risikotypen
Beispielsweise verändert Elektromobilität die Schadenregulierung spürbar. Höhere Reparaturkosten, Batterieprüfungen und neue Bewertungslogiken erhöhen die Komplexität.
Regulatorische Anforderungen
Dokumentationspflichten, Datenschutz und Nachvollziehbarkeit stellen zusätzliche Anforderungen an Systeme und Prozesse.
Kostendruck
Versicherer müssen gleichzeitig effizienter werden und in Zukunftsfähigkeit investieren.
Aus meiner Projekterfahrung ist klar: Nicht jedes Unternehmen sollte sofort sein gesamtes Kernsystem ablösen. In vielen Fällen ist ein schrittweiser, wirtschaftlich sinnvoller Weg erfolgreicher.
Genau diesen Ansatz verfolgen wir bei Mimacom.
| Phase | Ausschnitt |
| Eingabekanäle konsolidieren | E-Mail, Briefpost, Telefon, App und Portale sollten in einer zentralen Prozesssicht zusammengeführt werden. So entstehen Transparenz und schnellere Bearbeitung. |
| Workflows automatisieren | Standardfälle lassen sich vorklassifizieren, priorisieren oder teilweise automatisiert bearbeiten. Fachkräfte gewinnen dadurch Zeit für komplexe Fälle. |
| Integration statt zusätzlicher Insellösungen | Neue Lösungen sollten bestehende Systeme sauber anbinden – nicht weitere Komplexität erzeugen. |
| Schrittweise Modernisierung ermöglichen | Eine moderne Integrations- und Prozessarchitektur schafft die Grundlage, Kernsysteme später kontrolliert weiterzuentwickeln oder abzulösen. |
Nicht jedes Haus verfügt über grosse IT-Abteilungen oder umfangreiche Transformationsbudgets. Gerade kleinere und mittlere Versicherer stehen vor besonderen Herausforderungen:
Begrenzte personelle Ressourcen
Hohe Betriebsverantwortung im Tagesgeschäft
Abhängigkeit von Einzelwissen
Wenig Spielraum für langjährige Grossprojekte
Deshalb ist ein pragmatischer Modernisierungsansatz besonders relevant: überschaubare Schritte mit schneller Wirkung statt riskanter Komplettumbau.
Modernisierung ist nicht nur ein Technologieprojekt, sondern eine betriebswirtschaftliche Entscheidung.
Typische Effekte erfolgreicher Transformationsprojekte sind:
Damit amortisieren sich Investitionen häufig deutlich schneller, als angenommen wird – insbesondere im Vergleich zu dauerhaft steigenden Wartungskosten veralteter Strukturen.
Nach über 15 Jahren in der Versicherungs-IT bin ich überzeugt: Die Modernisierung der Schadensabwicklung ist keine optionale Zukunftsinitiative mehr, sondern ein strategischer Erfolgsfaktor.
Versicherer, die heute in effiziente Prozesse, moderne Plattformen und integrierte Architekturen investieren, verbessern nicht nur ihre Kostenbasis. Sie stärken gleichzeitig Servicequalität, Veränderungsfähigkeit und Wettbewerbsposition.
Die gute Nachricht: Es braucht keinen Big Bang.
Ein pragmatischer Einstieg über Prozessautomatisierung, Integration und schrittweise Transformation liefert schnell messbare Ergebnisse – und schafft die Grundlage für nachhaltige Modernisierung.