Wenn jede Entscheidung richtig war – und trotzdem alles falsch läuft
Gewachsene Systeme ohne Produktstrategie enden in Workarounds, manuellen Prozessen und struktureller Undurchsichtigkeit. Tina Bandalo-Emruli, Project Manager & Senior Backend Engineer und Team Lead der Digital Consultants bei mimacom, zeigt, warum technische Quick Fixes zu kurz greifen – und welcher Weg wirklich hilft.
Die wichtigsten Erkenntnisse
- Systeme ohne übergeordnete Produktvision wachsen reaktiv – und werden mit der Zeit unwartbar, obwohl jede Einzelentscheidung sinnvoll war.
- Technische Schnellschüsse lösen Symptome, nicht Ursachen. Ohne strategische Klärung entstehen dieselben Probleme erneut – auch auf einer neuen Plattform.
- Rollen, Berechtigungen und Organisationsstrukturen können organisatorische Unklarheiten nicht dauerhaft kompensieren.
- Ein schrittweiser Ansatz – Sicherheit, Struktur, Strategie – liefert nachhaltigere Ergebnisse als ein radikaler Neustart.
- Produktstrategie ist keine optionale Zukunftsinitiative. Sie ist die Voraussetzung für jede skalierbare Weiterentwicklung.
Was haben ein Schweizer Taschenmesser und ein gewachsenes Unternehmenssystem gemeinsam? Beide können theoretisch alles – und werden dadurch zunehmend unbenutzbar.
In einem kürzlich durchgeführten Assessment eines solchen Systems zeigte sich ein Muster, das vielen Organisationen bekannt vorkommen dürfte. Und das Unbehagliche daran: Niemand hat Fehler gemacht. Es begann mit einer guten Idee, daraus entstand ein Proof of Concept – gedacht, um Kunden zu überzeugen. Statt ihn abzulösen, wurde der POC direkt zum Produktionssystem. Mit jedem neuen Kunden kamen neue Anforderungen hinzu. Jede Entscheidung war für sich genommen richtig.
Und doch: Wer heute auf das System schaut, erkennt kaum noch die ursprüngliche Idee.
Das ist das Paradox vieler gewachsener Systeme. Nicht Nachlässigkeit hat sie in diesen Zustand gebracht, sondern das Gegenteil – Verantwortungsbewusstsein, Kundenfokus, Pragmatismus. Trotzdem steht man irgendwann vor einem System, das man selbst kaum noch erklären kann. Und das ist keine technische Niederlage – es ist ein strategisches Signal.
In zahlreichen Projekten habe ich dieses Muster erlebt: in unterschiedlichen Branchen, unterschiedlichen Unternehmensgrößen – aber immer dieselbe Grundstruktur. Das Problem ist selten technischer Natur. Es ist ein Produktproblem.
Symptome einer fehlenden Produktvision
Das System wurde immer komplexer – obwohl die Geschäftsprozesse selbst es nicht wurden.
Tina Bandalo-Emruli, Project Manager & Senior Backend Engineer und Team Lead der Digital Consultants
Was folgte, war vorhersehbar: Das System ließ sich für neue Nutzergruppen kaum skalieren. Stattdessen wurden Workarounds eingeführt, hardcodierte Fixes integriert und Sicherheitslücken provisorisch geschlossen – jedes Mal mit manuellem Aufwand und wachsender Undurchsichtigkeit.
Die konkreten Folgen:
- Rollen wurden für Zwecke genutzt, für die sie nie gedacht waren.
- Berechtigungen kompensierten organisatorische Unklarheiten statt fachliche Realitäten abzubilden.
- Ausnahmen wurden zu dauerhaften Lösungen.
- Die Organisationsstruktur verlor ihre fachliche Bedeutung.
- Akteure hatten zu viele oder zu wenige Rechte für ihre eigentliche Arbeit.
- Ein umfangreiches Editor-Manual ersetzte einen intuitiven User Flow.
Der Kern des Problems: Es fehlte eine gemeinsame Produktvision. Neue Anforderungen wurden reaktiv umgesetzt. Rollen, Berechtigungen und Organisationsstrukturen entwickelten sich weiter – aber ohne übergeordnetes Modell, das diese Entwicklung steuerte.
Warum technische Schnellschüsse zu kurz greifen
Der naheliegende Gedanke: Pain Points identifizieren und schließen, so schnell wie möglich. Doch technische Quick Fixes beseitigen Symptome, nicht Ursachen.
Und auch eine komplett neue Plattform würde über Zeit dieselben Probleme entwickeln, wenn die zugrunde liegenden organisatorischen Fragen ungeklärt bleiben:
- Wer trägt Verantwortung für welche Entscheidungen?
- Wie soll die Organisation fachlich modelliert werden?
- Welche Rollen werden tatsächlich gebraucht?
- Welche Produktziele gelten für die nächsten Jahre?
- Welche Governance-Regeln sichern das Zielbild langfristig?
Bewährter Ansatz: Schrittweise Verbesserung statt Big Bang
Die Entscheidung fiel bewusst gegen einen radikalen Neustart und für einen strukturierten Verbesserungsansatz. Genau diesen Weg verfolgen wir bei mimacom.
| Phase | Was damit erreicht wird |
|---|---|
| Sicherheitsrisiken beseitigen | Sofortige Stabilisierung – keine weiteren Notfallpatches, kein unkontrollierter Zugang |
| Organisationsmodell bereinigen | Fachliche Realitäten werden wieder korrekt abgebildet |
| Rollenmodell vereinfachen | Akteure erhalten genau die Rechte, die sie für ihre Arbeit brauchen – nicht mehr, nicht weniger |
| Governance etablieren | Klare Regeln verhindern, dass neue Anforderungen das Modell wieder unterlaufen |
| Produktstrategie schärfen | Erst dann ergibt eine größere strukturelle Neugestaltung wirklich Sinn |
Genau hier setzen wir an
Diese Art von Arbeit ist kein reines Technologieproblem. Sie erfordert Menschen, die Produktdenken, Organisationsverständnis und technische Kompetenz verbinden. Bei mimacom nennen wir sie Digital Consultants – und sie machen genau das täglich: Sie helfen Unternehmen zu klären, was ihr Produkt ist, wem es nutzt, und wie es sich strategisch weiterentwickeln soll.
Wir haben früh erkannt, dass unsere Kunden nicht nur Entwicklungskapazität brauchen. Sie brauchen Beratung, die Technologie und Produktstrategie zusammendenkt – und die den Mut hat zu sagen, wann ein technischer Fix nicht ausreicht.
Mein Fazit: Es geht nicht um das Ob, sondern um das Wie
Nach vielen Jahren in Digitalisierungs- und Transformationsprojekten bin ich überzeugt: Fehlende Produktstrategie ist eines der häufigsten und teuersten Probleme in gewachsenen Systemen. Und es ist eines, das sich lösen lässt – wenn man an der richtigen Stelle ansetzt.
Die gute Nachricht: Es braucht keinen Big Bang.
Ein pragmatischer Einstieg über Strukturbereinigung, klare Verantwortlichkeiten und eine gemeinsame Produktvision liefert schnell messbare Ergebnisse – und schafft die Grundlage für nachhaltige Weiterentwicklung.
Wenn Sie sich in diesem Muster wiedererkennen, sprechen Sie uns an.